Kleine Geschichte der Zwischenrufe "Bombardieren Sie doch unsere Parteizentrale"

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehne; Archivbild aufgenommen 1981 in Bonn.

(Foto: imago/Sammy Minkoff; Bearbeitung SZ)

Im Parlament ging es vor dem Einzug der AfD immer gesittet zu? Kann man so nicht sagen. Vor allem wenn man sich an Herbert Wehner und Joschka Fischer erinnert. Oder an den Ex-CDU-Abgeordneten Werner Broll.

Von Stefan Braun, Berlin

Es hat schon die besten Redner getroffen. Zwischenrufe können im Parlament beinahe jeden aus der Bahn werfen. Auch einen wie Helmut Schmidt, der berühmt war für seine selbstbewussten Auftritte. Norbert Blüm erinnert sich bis heute spitzbübisch an seinen größten Erfolg im Duell mit dem damaligen Bundeskanzler.

Schmidt, so erzählte es Blüm dieser Tage in kleiner Runde, habe das große Talent besessen, bei seinen Auftritten vieles vom Blatt abzulesen, ohne dass es das Publikum merkte. Schmidts Kniff sei gewesen, immer wieder pathetische Pausen einzulegen und in diesen Momenten gen Himmel zu blicken. So hätten alle gedacht, er sammle sich gerade für den nächsten genialen Gedanken.

Und dann kam eines Tages der Abgeordnete Blüm und rief in eine der großen Denkpausen: "Guck aufs Blatt!" Ein harmloser Zuruf mit mächtigen Folgen: Alle im Hohen Haus mussten lachen - und Schmidts Gravitas war verloren.

Die AfD im Bundestag

Dieser Text ist Teil einer großen Datenrecherche zum ersten halben Jahr der AfD im Bundestag. Lesen Sie hier die digitale Reportage mit den zentralen Ergebnissen und hier alle Texte zum Thema.

Zwischenrufe sind im Bundestag oft das Salz in der Suppe. Sie können einem langweiligen Auftritt Leidenschaft und Energie geben; im besten Falle provozieren sie den Redner dazu, spontan nach scharfen Antworten zu suchen, obwohl er oder sie sonst am aufgeschriebenen Text kleben. Nicht am fein ziselierten Manuskript, sondern in diesem Moment zeigt sich, wie flexibel und schnell einer ist, um sich im Rededuell zu behaupten.

Das Ablesen freilich ist mit wenigen Ausnahmen zur gängigen Praxis geworden - was dem Zwischenruf heute eine fast noch größere Bedeutung gibt als früher. Wer spüren will, wie schlagfertig einer oder eine sein kann, muss es mit Sticheleien und Provokationen versuchen.

Oliver Krischer, seit bald neun Jahren im Parlament, gehört zu den häufigsten Zwischenrufern. Krischer liebt Zwischenrufe. Planbar allerdings seien sie nicht, bei ihm jedenfalls geschehe es immer spontan -und unabhängig davon, wer gerade am Pult stehe.

"Auslöser sind meistens absurde Aussagen des Redners", so der Grünen-Politiker. "Wenn ein Verkehrsminister Dobrindt (letzte Legislaturperiode) sich und seine Politik im Abgasskandal als vorbildlich selbst lobt, dann kann ich nicht an mich halten." Zwischenrufe würde zeigen, dass einem eben nicht egal ist, was da vorne passiere.

Krischer räumt freilich auch ein, dass so was mal nach hinten losgeht. Dann nämlich, "wenn der Konter gut ist". Ein besonders beliebter Duellant für Krischer ist für gewöhnlich Sigmar Gabriel gewesen, als der noch regierte. "Der ist so schnell und so gut - da muss man besonders auf der Hut sein."

Seit dem Einzug der AfD vor gut sechs Monaten ist der Eindruck entstanden, aus einem recht gesitteten sei ein besonders vergifteter Umgang miteinander geworden. Doch so aggressiv die AfD tatsächlich auftreten kann (siehe große Datenanalyse), so falsch wäre es zu glauben, früher sei alles einfach nur friedlich gewesen.

Im Gegenteil hat es so manche heftige Wortattacke gegeben. "Fieser Möpp!"; "Unverschämtes Weib!"; "Gangster!"; "Stinktier"; "Lümmel!"; "Terrorist!" - all das hat es längst und mindestens einmal gegeben. Schon vor knapp zwanzig Jahren haben zwei Autoren diese Zitate gesammelt und in einem kleinen Werk namens "Politiker beschimpfen Politiker" gesammelt.

So gesagt im Bundestag?

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Dabei handelte es sich nicht nur um persönliche Attacken. Es ging auch um heftigste politische Auseinandersetzungen. Ein besonders deutliches Beispiel stammt vom 16. Februar 2001. Damals sprach der SPD-Abgeordnete Reinhold Robbe zum Nato-Luftangriff auf Serbien und verband das mit einer fundamentalen Kritik an der PDS.

Robbe betonte, für ihn persönlich sei es eine Zumutung, mit Leuten wie Gregor Gysi in einem Parlament zu sitzen. Ja, er ging so weit, zu sagen, dass die PDS aus seiner Sicht im Bundestag "überhaupt nichts zu suchen" habe.

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Die Folge war ein Zwischenruf, der es in sich hatte. Ein Zwischenruf, der zu den härtesten der Parlamentsgeschichte gehören dürfte. Angela Marquardt, damals Abgeordnete der PDS, rief Robbe entgegen: "Bombardieren Sie doch unsere Parteizentrale und erschießen Sie uns alle." Marquardt erntete zur allgemeinen Überraschung nicht mal einen Ordnungsruf. Offenbar hatte sie nicht nur Robbe, sondern auch den damals amtierenden Vize-Präsidenten Hermann Otto Solms überrumpelt.

Nicht minder hart und dazu gerne persönlich verletzend ist freilich der Abgeordnete gewesen, der bis heute den Rekord an Ordnungsrufen hält. Gemeint ist Herbert Wehner, der so legendäre wie gefürchtete SPD-Fraktionschef. Von Wehner stammt ein nachgerade einzigartiger Katalog an Angriffen und Beschimpfungen. Das fing beim "Waschen Sie sich mal. Sie sind schmutzig" an und hörte bei einem "Sie sind ein Schwein" noch lange nicht auf.

So nannte Wehner den CDU-Abgeordneten Jürgen Todenhöfer "Hodentöter", bezeichnete dessen Kollegen Jürgen Wohlrabe als "Übelkrähe" und beschimpfte seinen eigenen SPD-Parteifreund Hans-Jochen Vogel als "blau-weißes Arschloch". Bis heute hält sich die Legende, dass Eltern in den siebziger Jahren zum Schutze der eigenen Kinder Radio oder Fernseher leise stellten, wenn Wehner auftrat.

Gemessen daran war Joschka Fischer fast schon harmlos. Seine berühmt gewordene Attacke gegen den damaligen Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen ("Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch") war zwar heftig - aber sie trug bei weitem nicht die Härte und Boshaftigkeit in sich, mit der Wehner politische Gegner angreifen konnte.

"Machen Sie bitte keine Zwischenrufe, sonst antworte ich Ihnen"

Wer allerdings glaubt, das meiste sei fürchterlich gewesen, irrt sich genauso. Gerade in der Anfangszeit des Bundestages gab es Worte und Widerworte, die es auf ganz andere Weise in sich hatten. Das galt im Besonderen für einen wie Carlo Schmid. Der Sozialdemokrat war Staatsrechtler, gehörte zu den Autoren des Grundgesetzes - und war ein begnadeter Redner.

Provoziert von seinem Vorredner sagte Schmid einmal spontan: "Der Abgeordnete Becker hat in einer recht balladesken Weise von dem 'Donner der Kanonen' gesprochen, der unsere Debatte begleitet habe. Er hat die Schlacht von Valmy bemüht. Vielleicht hätte er auch von dem Donner der Kanonen sprechen können, von dem Don Basilio im Barbier von Sevilla die Arie singt. Sei es, wie ihm wolle: Offensichtlich hat ihm dieser Kanonendonner das Gehör verschlagen, sonst hätte er nämlich unseren Sprecher nicht so verstehen können, wie er ihn verstanden hat."

Wer das kennt, kann denn auch verstehen, dass von diesem Carlo Schmid beim Blick auf Zwischenrufe eine durch und durch ungewöhnliche Provokation stammt. Er nämlich warf einem Provokateur mal zu: "Machen Sie bitte keine Zwischenrufe, sonst antworte ich Ihnen."

Ganz anders aber auch nicht ohne Humor erklärte der CDU-Abgeordnete Werner Broll bei seinem Rückzug 1987 : "Wenn ich jemanden geärgert habe, dann war es bestimmt verdient und beabsichtigt." Deshalb gebe es aus seiner Sicht auch keinen Grund, sich dafür zu entschuldigen. So kann man das auch machen.

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